PROF. DR. GEORG ERTL
Herz-Kreislauferkrankungen sind die häufigsten Ursachen für Krankenhausaufnahmen und die häufigsten Todesursachen. Andererseits sind wichtige Risikofaktoren für Herzkrankheiten bekannt und zum Teil auch modifizierbar. Familiäre Häufung spricht für eine genetische Ursache oder eine familiäre Prägung, wobei die Gene nur ausnahmsweise bekannt sind, z. B. bei einer Fettstoffwechselstörung, der familiären Hyperlipidämie, oder seltenen Herzmuskelerkrankungen.1 Ein erster Schritt in Richtung Personalisierung ist die Berücksichtigung des Geschlechts bei der Diagnostik und Therapie von Herz-Kreislauferkrankungen.
Prof. Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM, Internist und Kardiologe aus Würzburg
Die unterschiedliche Epidemiologie mit einer späteren, meist erst postmenopausalen Manifestation der koronaren Herzkrankheit ist seit längerem bekannt. Eine Altersbegrenzung nach oben, aber auch Gebärfähigkeit als Ausschlusskriterium hat unter anderem in früheren Studien häufig zu einer Benachteiligung für den Einschluss von Frauen ergeben. In der Pharmakotherapie bestehen durchaus relevante Unterschiede, insofern die Dosierungen bei Frauen meist niedriger liegen als bei Männern. Die DGIM unterstützt gezielte und anhaltende Bemühungen um inklusive Studienprotokolle, die auch regulatorisch gefördert und gefordert werden müssen.2
Überflüssige Therapien vermeiden
Die Standarddiagnostik in der Kardiologie konzentriert sich auf laborchemische und physikalische, vor allem bildgebende Verfahren. Die Manifestation der atherosklerotischen Volkskrankheiten lässt sich damit sehr gut diagnostizieren, auch wenn ihre klinische und prognostische Bedeutung häufig nicht quantifizierbar ist. Das individuelle Risiko für eine atherosklerotische Komplikation vor der klinischen Manifestation der Erkrankung lässt sich nur anhand von „Risikofaktoren“ (Hochdruck, Cholesterin, Diabetes, Übergewicht, Rauchen, körperliche Aktivität, Essgewohnheiten) grob abschätzen.
Die Bekämpfung von Risikofaktoren generell ist eine gesellschaftliche Aufgabe, gefordert von der DGIM. Es ist aber auch wichtig, bei Personen mit niedrigem Risiko überflüssige Therapien zu vermeiden. So führt der neuere ESC SCORE2 nur bei 4 % der Gesunden im Alter von 40 bis 69 Jahren zu einer Statin-Indikation, im Vergleich zu 34 % beim American College of Cardiology/American Heart Association (ACC/AHA) Score, 26 % beim UK’s National Institute for Health and Care Excellence (NICE) Score und 20 % bei dem 2019 ESC/European Atherosclerosis Society (EAS) Score.3,4,5
Kardiomyopathien
Herzinsuffizienz ist die häufigste Einzeldiagnose für Hospitalisationen in Deutschland. Die häufigste Ursache dafür sind Durchblutungsstörungen des Herzmuskels, die allerdings, wie lange bekannt, sehr unterschiedlich manifest werden können: bei Männern oft durch den Verschluss eines großen Herzkranzgefäßes mit entsprechendem Herzinfarkt, bei Frauen im höheren Lebensalter und bei Diabetikern häufig mit diffusem atherosklerotischem Befall der Herzkranzgefäße und entsprechenden Myokardschäden.
Darüber hinaus gibt es allerdings noch eine große Zahl von verschiedenen Kardiomyopathien, die sehr unterschiedliche Ursachen, Mechanismen der Krankheitsentstehungen und Phänotypen haben. Nach letzterem werden sie heute noch in „dilatative“, „hypertrophische“ und „restriktive“ Kardiomyopathien eingeteilt.6
Die Mechanismen der Krankheitsentstehung werden zunehmend besser verstanden. Kardiomyopathien können durch Infektionen, Toxine (z. B. Alkohol), eine Chemotherapie, endokrine Erkrankungen, Schwangerschaft, Tachyarrhythmien und Autoimmunerkrankungen entstehen. Bei 5 bis 15 % liegt wahrscheinlich ein pathogenes Gen oder eine Mutation vor, sodass immer genetische und erworbene Faktoren bedacht werden müssen.
Bei einigen gibt es schon moderne, spezifische Therapien, bei anderen sind sie in Entwicklung, sodass es notwendig ist, eine exakte Diagnose zu stellen. Letztlich werden durch moderne Diagnostik und differentielle Therapie häufige zu seltenen Erkrankungen. In der Kardiologie stehen wir da allerdings noch ganz am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung.
Quelle:
Statement von Prof. Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM, Internist und Kardiologe aus Würzburg, anlässlich der Jahres-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM), online, 29. Januar 2026
1 Greenberg B, Tailor M et al. N Engl J Med 2025; 392(10): 972–83. DOI: 10.1056/NEJMoa2412392
2 Riviera FB, Magalong JV et al. JAMA Netw Open Published Online: 2025; 8(8): e2529104. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2025.29104
3 SCORE2 working group and ESC Cardiovascular Risk Collaboration. Eur Heart J 2021; 42(25): 2439–54. DOI: 10.1093/eurheartj/ehab309.
4 SCORE2-OP working group and ESC Cardiovascular Risk Collaboration. Eur Heart J 2021; 42: 2455–67. DOI: 10.1093/eurheartj/ehab312.
5 Mortensen MB, Tybjaerg-Hansen A et al. JAMA Cardiol 2022; 7(8): 836–43. DOI: 10.1001/jamacardio.2022.1876.
6 Heymans S, Lakdawala NK et al. Lancet 2023; 402(10406): 998–1011. DOI: 10.1016/S0140-6736(23)01241-2.