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NICOLIN BÄHRE

Patienten/innen, die von einer Dysphagie mit rezidivierenden Speichel aspirationen betroffen sind und/oder eine invasive Beatmung benötigen, sind überwiegend mit einer blockbaren Trachealkanüle (TK) versorgt.

Der Cuff stellt einen weitestgehenden Schutz vor einer Aspiration von Speichel in die unteren Atemwege dar. Das aspirierte Sekret sammelt sich unterhalb der Glottis, auf dem Cuff (Abb. 1).

Auch Patientinnen und Patienten, die invasiv beatmet werden müssen, sind mit einer block baren TK versorgt, um die Möglichkeit einer weitgehend leckagefreien Beatmung zu ermöglichen.

Durch Hustenaktivität und/oder Faltenbildung des Cuffs in der Trachea, kann es zu Mikroaspirationen des aufgestauten Sekrets in die unteren Atemwege kommen. Dieses Sekret ist häufig mit Keimen versetzt und kann dort Aspirationspneumonien verursachen. Zudem kann ein dauerhafter Sekretaufstau oberhalb des Cuffs zu einer Desensibilisie rung in diesem Bereich der Trachea und damit zu einer Chronifizie rung der Dysphagie führen.

Nicolin Bähre, selbstständige akademische Sprachtherapeutin, München

Subglottische Absaugung

Muss die TK entblockt werden, beim TK-Wechsel, zur trachealen Entlastung oder aus therapeutischen Erwägungen, kann das aufgestaute Sekret in die unteren Atemwege gelangen. Eine Trachealkanüle mit subglottischer Absaugmöglichkeit kann diese Gefahr minimieren, indem der Bereich oberhalb des Cuffs möglichst sekretfrei gehalten wird, bzw. vor dem Entblockungsvorgang abgesaugt wird (Abb. 2). Studien belegen eine Reduktion der Pneumonierate (VAP), wenn solch eine TK verwendet wird.1

Die Auswirkungen einer Blockung

Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen eine blockbare Trachealkanüle benötigen, sind nicht mehr in der Lage verbal zu kommunizieren, zu riechen, zu schmecken, Sekret oberhalb des Cuffs abzuhusten und in vielen Fällen zeitgerecht zu schlucken.2 Eine Blockung verhindert den Luftfluss in die oberen Atemwege, was zur Folge hat, dass keine Luft die Stimmritze passiert und es somit nicht zu einer Sprachbildung kommen kann – zudem geht die Sensibilitäts-, Befeuchtungs- und Reinigungsfunktion vorübergehend verloren.

Die oropharyngeale Sensibilität, der sub glottische Druckaufbau und der effektive Einsatz willkürlicher und reflektorischer Reinigungsfunktionen (Räuspern und Husten), sind ein wesentlicher Schutz vor Aspiration und haben somit einen hohen Stellenwert im Rehabilitationsprozess.3

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Grund bedürfnis eines jeden Menschen nach sozialer Teilhabe und der Möglichkeit, sich mit seinen Bedürfnissen und Befindlichkeiten mitteilen zu können.

Abb. 1: Sekretsäule
Abb. 2: Absaugprozess
Abb. 3: Luftstrom bei einer entblockten Tracheostomiekanüle mit gefensterter Innenkanüle und Sprechventil

Fazit

Zusammengefasst bedeutet das, dass die betroffenen Patientinnen und Patienten möglichst häufig in die Lage versetzt werden sollten, ihren Atemstrom über die oberen Atemwege zu führen. Dies kann über eine Ent blockung des Cuffs geschehen (Abb. 3).

Um den gesamten Exspirationsstrom über die oberen Atemwege zu lenken, sowie alle Reinigungsfunktionen effektiv einsetzen zu können, wird ein Sprechventil aufgesetzt. Der Ausatemwiderstand wird dadurch deutlich erhöht. Häufig benötigen die Betroffenen jedoch mehr Platz, um den Luftstrom an der TK vorbei, durch die Glottis hindurch in die oberen Atemwege zu führen. Eine gefens terte TK, bei der zu diesem Zweck die ebenfalls gefensterte Innenkanüle eingesetzt wird, macht dieses Manöver möglich. Diese zusätzliche Fensterung reduziert zudem den Ausatemwiderstand deutlich. In diesem Zustand sind die Betrof fe nen nun in der Lage, ihren laryngealen, pharyngealen und oralen Bereich zu spüren. Sie können ihre Reinigungsfunktionen effektiv einsetzen und sind in der Lage verbal zu kommunizieren, bzw. überhaupt Stimme zu produzieren.

Um all diese Funktionen im Rehabilitationsprozess anzuregen, bzw. zu reaktivieren, bedarf es einer multifunktionellen Trachealkanüle, die sowohl mit einer Fensterung (mit geschlossener und gefensterter Innenkanüle), mit einem Cuff sowie einem subglottischen Absaug kanal ausgestattet ist.

Erste Feldversuche haben gezeigt, dass Patientinnen und Patienten, die dauerhaft geblockt sein müssen, von der sogenannten „Above Cuff Vocalisation“-Methode profitieren. Dabei wird über den subglotti schen Absaug kanal, nach gründlichem Absaugen, Sauerstoff oder Druckluft eingeleitet. Auf diese Weise kann eine Ventilation der oberen Atemwege erfolgen. Je nach kognitiven Ressourcen, können die Patienten jetzt trotz Blockung verbal kommunizieren.4, 5

Autorin
Nicolin Bähre, selbstständige akademische Sprachtherapeutin, systemische Super visorin und Coach, München

Beispiel einer blockierbaren Multifunktions-Trachealkanüle

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1 KRINKO: Prävention der nosokomialen beatmungs assoziierten Pneumonie, Bundes gesundheitsblatt 2013;56: 1578–90
2 Klemm E; Nowak A (Hrsg.): Kompendium der Tracheotomie; Springer Medizin Verlag 2012
3 Prosiegel M, Weber S: Dysphagie. Springer Verlag, 2. Aufl. 2013
4 From M, Eggertsen RH et al.: Above Cuff Vocalisation (ACV). Respiratory Therapy 2020; 15(2): 33–36
5 Niers N: Subglottische Luftinsufflation bei tracheotomierten Patienten. Logos 2019; 27(2