CHRONISCHE WUNDEN
Wundreinigung – Dekontamination – Wundspüllösungen
Die Nass-Trocken-Phase (N-T-P) zählt zu den bewährten Basismaßnahmen im Rahmen des modernen Wundmanagements. Sie beruht auf langjähriger klinischer Erfahrung und hat sich insbesondere bei chronischen und schwer heilenden Wunden als praktikable Ergänzung im Verbandwechsel etabliert. Nachfolgend wird die aktualisierte Version N-T-P 4.0 erläutert.
Die Nass-Trocken-Phase (N-T-P) wurde 1988 von U.W. Schnyder / G. Kammerlander an der Dermatologie des Universitätsspitals Zürich als strukturierte Methode zur lokalen Behandlung sekundär heilender, komplexer und chronischer Wunden entwickelt und seither in über 50.000 dokumentierten Fällen in 32 spezialisierten Zentren validiert. Sie dient nicht bei Bagatellwunden oder postoperativen Nähten, sondern als Standard gezielt bei offenen, belasteten, schwer heilenden und infizierten oder verschmutzten Wunden.
Chronische und schwer heilende Wunden zeigen ein charakteristisches Störmuster: erhöhte proinflammatorische Zytokine, dysregulierte Proteasen (v. a. Matrix-Metallo-Proteasen (MMP)), verminderte Temporäre Inhibitoren der Metallo-Proteasen (TiMP), gestörte Wachstumsfaktoren, Keimbelastung und fortbestehende Biofilme. Insbesondere exzessive MMP-Aktivität fördert Gewebsdestruktion und perpetuiert chronische Randentzündungen. Zusätzlich wirken Nekrosen, Fibrinbeläge, Trockenheit und Detritus als wesentliche Barrieren für Abwehrmechanismen, Granulation und Epithelisation. Detritus fungiert als Nährboden für pathogene Keime und als Retentionsmedium toxischer Zerfallsprodukte – ein zentraler Treiber von Wundinfektionen.
Die chirurgischen Grundprinzipien des Débridements (Noxenbeseitigung, Reperfusion, Nekrosektomie, Infektkontrolle) bleiben gültig, jedoch hat sich bei chronischen Wunden der Stellenwert eines milden, wiederholten physikalischen Cleansings im Rahmen jedes Verbandwechsels etabliert. Die N-T-P bewertet den Verbandwechsel nicht als notwendiges Übel, sondern als aktive therapeutische Phase, um Wunde, Wundrand und Umgebungshaut gezielt zu reinigen und zu stabilisieren. Gerade die Vitalität und Stabilität der Wundumgebung beeinflusst Geschwindigkeit und Qualität der Heilung maßgeblich.
Ziele und Ablauf der N-T-P
Das Hauptziel einer ausgedehnten N-T-P ist die möglichst umfassende Entfernung wundheilungshemmender Substanzen aus Wunde und Wundumgebung wie Mikroorganismen, Wundbeläge, Detritus, Hautpflege-/Schutzreste, Haftbasen, Hautschuppen, entzündungsfördernde Stoffe bevor eine neue Wundauflage appliziert wird.
Die Nass-Therapie umfasst eine sterile Grundreinigung von Wunde und Umgebung, ggf. initial mit physiologischer Kochsalzlösung (0,9 % NaCl), gefolgt von modernen Wundspüllösungen zur antimikrobiellen, antiinflammatorischen und geruchsmindernden Wirkung. Im Anschluss erfolgt als grundlegende Begleitmaßnahme die N-T-P:
Nassphase (15–20 min)
- Durchfeuchtung der Wunde mit feuchten Trägermaterialien (Vlies/Gaze)
- Einsatz moderner antimikrobiell wirksamer Wundspüllösungen zur Entfernung avitaler Beläge und mikrobieller Last (Cleansing/Dekolonisation)
- Zimmertemperatur häufig ausreichend; Erwärmung auf 37 °C nur bei großflächigen Lavagierungen oder Spasmus-Risiko (pAVK, Raynaud) erforderlich
- Geringe lokale Kühlung kann juckreizlindernd und antiinflammatorisch wirken.
Dabei ist für die Nassphase eine sehr starke Benetzung der Gaze oder Vliesstoffkompressen, welche zirkulär über die Wunde und die weitläufige Wundumgebung gelegt werden, erforderlich.
Die Dauer der Nassphase sollte an die Wundsituation angepasst werden. Bei mazerierten, entzündeten oder infizierten Wunden sollte die Nassphase mindestens 20 Minuten dauern, bei stabilen, nicht entzündeten Wundumgebungen reichen rund 10 Minuten. Wundspüllösungen mit PVP-Jod 1 % benötigen bei chronischen Wunden 20 Minuten, Lösungen mit Octenidindihydrochlorid/Phenoxyethanol wirken bei belegten, infizierten Wunden nach 5 Minuten.
Nach Abschluss der Nassphase schließt sich die Trockenphase an. Dabei werden sterile Kompressen für etwa 5–10 Minuten auf die Wunde aufgelegt. Diese kurze Trocknungszeit dient dazu, eine Mazeration zu vermeiden und die Wunde und Umgebung optimal auf die folgenden therapeutischen Schritte – bspw. Plasma- oder Laseranwendungen oder das Anlegen der definitiven Wundauflage – vorzubereiten.
Trockenphase (5–10 min)
- Kurze Exposition zur Re-Stabilisierung der umgebenden Haut, Verhinderung von Mazeration und Irritation
- Ziel: Verbesserung der Barrierefunktion vor Neuversorgung.
Unterschiede und klinischer Einsatz von Wundspüllösungen
Die Wundreinigung ist ein zentraler Bestandteil des modernen Wundmanagements. Wundspüllösungen sollen nicht nur mechanisch reinigen, sondern idealerweise antimikrobiell wirken, Biofilme lösen und die Wundheilung unterstützen. Eine geeignete Wundspüllösung sollte daher nicht toxisch oder irritativ sein, muss allergologisch unbedenklich bleiben und eine effektive Entfernung von Belägen und Exsudat ermöglichen.
Die Auswahl einer Wundspüllösung richtet sich nach Zweck, Wirkspektrum und Verträglichkeit. Wundspüllösungen werden wie folgt klassifiziert:
- Isotone physiologische Lösungen (0,9% NaCl, Ringer): Mechanisch reinigend, langfristig einsetzbar, keine antimikrobielle Wirkung.
- Kurzzeit-Antiseptika (PVP-Jod, Octenidin + Phenoxyethanol): Intensive und kurzfristige Keimreduktion (< 1 Woche), um Gewebeschädigungen zu vermeiden.
- Moderne Lösungen (Polihexanid (PHMB), Octenidin, HOCl/NaOCl, reaktiver Singulett-Sauerstoff auf Salzbasis): Antimikrobiell, biofilmauflösend, geruchsmindernd, wiederholte Anwendung möglich, hohe Gewebeverträglichkeit.
Hypotone Lösungen (< 0,5% NaCl, z. B. Aqua destillata) können bei längerer Anwendung durch osmotische Effekte zu Zellschwellung oder sogar Lyse von Fibroblasten und Epithelzellen am Wundrand bzw. Wundgrund führen, was die Granulation und Wundheilung hemmt. Isotone Lösungen (0,9 % NaCl) stellen eine sichere Basis für die Grundreinigung dar.
Moderne Wundspüllösungen ergänzen die Nassphase durch antimikrobielle, antiinflammatorische und geruchsmindernde Effekte. Moderne Wundspüllösungen bieten die klinischen Vorteile:
- Effektive Keimreduktion
- Biofilmauflösung
- Anti-inflammatorische Wirkung
- Reduktion von Schmerz und Juckreiz
- Verminderung von Wundgeruch
- Unterstützung der Granulation und Zellproliferation
- Hohe Gewebeverträglichkeit bei wiederholter Anwendung
Wundspüllösungen mit ionisiertem Sauerstoff und Meersalz
Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Wundspüllösung ActiMaris®, die reines Meersalz, Oxychlorit (NaOCl), hypochlorige Säure (HOCl) und aktivierten Sauerstoff (Singulett-Sauerstoff, 1O2) enthält. Die Lösungen auf Meersalzbasis sind in zwei Varianten verfügbar:
- ActiMaris® sensitiv (Meersalz 1,2%, NaOCl 0,04%, HOCl 0,004 %) eignet sich für die Reinigung, Feuchtigkeitsspende, Dekolonisation und Prävention von Infektionen bei akuten, chronischen oder empfindlichen Wunden.
- ActiMaris® forte (Meersalz 3%, NaOCl 0,2 %) wird insbesondere für initiale Reinigungen stark belegter, infizierter oder übelriechender Wunden eingesetzt; nach Verbesserung des Wundzustandes sollte auf die sensitiv-Variante gewechselt werden.
Beide Lösungen wirken dekolonisierend, breit antibakteriell, antiviral, lösen Biofilme und reduzieren unangenehme Wundgerüche. Im Vergleich zu klassischen physiologischen Lösungen oder einfachen HOCl/NaOCl-Präparaten zeigt ActiMaris® eine höhere Wirkungsbreite und -stärke, ohne die Gewebeverträglichkeit zu beeinträchtigen.
Fazit
Während physiologische Kochsalzlösungen (0,9% NaCl) weiterhin für die mechanische Grundreinigung und kosteneffiziente Anwendungen geeignet sind, bieten moderne Wundspüllösungen, wie bspw. ActiMaris® mit Meersalz und reaktivem Sauerstoff, eine Kombination aus antimikrobieller Wirkung, Biofilmauflösung und regenerativer Unterstützung. Sie stellen damit eine wertvolle Option im Management chronischer, infizierter oder schwer heilender Wunden dar und tragen zu einem effektiven, patientenorientierten Wundheilungsprozess bei.
Abb. 1: Reinigungseffekt bei entzündeter, mikrobiell belasteter Wunde mit starkem Geruch: 20 min nass mit aktivem Sauerstoff (HOCl-Gruppe – Bsp. ActiMaris®), 5 min trocken
Exemplarische Beispiele von Gerhard Kammerlander
Die Abbildung 1 zeigt eine typische chronische Wunde. In diesem Beispiel lagen massive Entzündungen, eine problematische mikrobielle Situation und sehr starke Gerüche vor (Geruchsintensität 3: Fernab vom Patienten mit geschlossenem Verband roch es im ganzen Zimmer unangenehm). Nach der Reinigung ist auf dem rechten Bild eine deutliche Verminderung der Hautschuppen, der Alginatreste und Auflagerungen zu erkennen.
Abb. 2: Anwendungsbeispiel mit HOCl-Lösung (Bsp. ActiMaris®) bei venösen Stauungen, 11 Monate nach Verletzung: Entfernung von krustösen Auflagerungen und hartnäckigen Fibrinbelägen durch N-T-P (20 min / 5 min)
In diesem Fall (Abb. 2) lagen fest haftende krustöse Auflagerungen und hartnäckige Fibrinbeläge vor. Nach einer 20-minütigen Nassphase konnten sowohl die krustösen Auflagerungen als wie auch die Fibrinbeläge, sanft und atraumatisch mit dem weißen Ligasano-Wundputzer und ActiMaris® sensitiv entfernt werden.

