LEBERGESUNDHEIT
Lebererkrankungen sind in Deutschland ein dringliches, aber unterschätztes Gesundheitsproblem. Rund 20 Millionen Menschen haben eine Fettleber, 4–5 Millionen bereits fortgeschrittene Schäden und etwa 1 Millionen eine Zirrhose. Da diese Erkrankungen lange symptomlos verlaufen, werden sie oft erst bei irreversiblen Komplikationen wie Leberkrebs oder Aszites erkannt – mit hoher Sterblichkeit und enormen Kosten. Dennoch fehlt eine flächendeckende Struktur zur Früherkennung und Versorgung von Lebererkrankungen.
Adipositas, Diabetes, virale Hepatitiden, Autoimmunprozesse und medikamentös-toxische Schäden. Viele Ursachen wären behandelbar, bleiben jedoch wegen fehlender strukturierter Diagnostik und Versorgung ungenutzt. Besonders im ambulanten Bereich fehlen Kapazitäten, qualitätsgesicherte Sonografie/Elastografie werden unzureichend vergütet, und essenzielle Maßnahmen wie das halbjährliche HCC-Screening bei Zirrhose sind nicht standardisiert oder werden nicht umgesetzt. Auch Personal, Ressourcen und sektorübergreifende Schnittstellen sind unzureichend – mit gravierenden Folgen für chronisch Leberkranke.
Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) geben klare Empfehlungen zur onkologischen Prävention – u. a. beim Barrett-Ösophagus, Helicobacter-assoziiertem Magenkrebs, HCC-Screening sowie der Darmkrebsvorsorge. In der Praxis scheitert die Umsetzung jedoch häufig, besonders bei sozial benachteiligten Patientengruppen. Wie Dr. Dietrich Hüppe im DGVS-Podcast „Gastrogeplauder“ (Episode 54) schildert, liegt das Problem weniger am Wissen als an fehlenden Strukturen.
Politische Rahmenbedingungen müssen sich grundlegend ändern: Die sprechende Medizin und niedrigschwellige diagnostische Verfahren müssen adäquat vergütet, Programme zur Aufklärung in Schulen, Betrieben und der breiten Öffentlichkeit gestärkt werden. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und Institutionen wie das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) sind hier ebenso gefragt wie die Politik. Darüber hinaus braucht es endlich eine ehrliche Diskussion über regulierende Maßnahmen wie Zuckersteuern. Es ist auch nicht akzeptabel, dass in Deutschland alkoholische Getränke günstiger sind als Wasser, während Prävention politisch oft nur als Appell, nicht als Struktur verstanden wird.
Sektorübergreifende Versorgung nötig
Auch sektorübergreifende Modelle wie spezielle Hybrid-DRGs könnten helfen, die Versorgungslücken zu schließen: Ein Patient mit Leberzirrhose, der stationär mit Aszites behandelt wurde, braucht im ambulanten Bereich regelmäßige Punktionen, medikamentöse Kontrolle und Ultraschalluntersuchungen – derzeit fehlt es hier an Zuständigkeit, Finanzierung und Koordination. Der Rückverweis in die Klinik ist ineffizient, teuer und belastend für die Patienten. Die Zukunft der Prävention muss ganzheitlich gedacht werden: genetische Risiken, Lebensstil, Umweltfaktoren wie Mikroplastik oder Feinstaub, das Mikrobiom und der Klimawandel beeinflussen das Krebsrisiko an den Verdauungsorganen massiv. Es ist zwingend notwendig, Studien zur Krebsprävention zu fördern, um personalisierte Strategien entwickeln zu können, die gleichzeitig Überdiagnostik vermeiden und vulnerable Bevölkerungsgruppen schützen.
Deutschland hat das medizinische Wissen und die Möglichkeiten – was fehlt, ist der politische Wille zur strukturellen Umsetzung. Lebergesundheit muss endlich als gesundheitspolitische Priorität anerkannt und entsprechend systematisch gefördert werden. Nur so lässt sich die wachsende Krankheitslast eindämmen – im Interesse der Betroffenen und eines zukunftsfähigen Gesundheitssystems.
Quelle:
Statement von Prof. Dr. med. Heiner Wedemeyer, Präsident der DGVS, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Medizinische Hochschule Hannover, im Rahmen der Online-Pressekonferenz der DGVS, 4. Juni 2025