Team der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Leipzig bietet eine seltene neue Sprechstunde an. Die Ambulanz soll Betroffene bei der Bewältigung verbleibender Folgen der Intensivtherapie unterstützen.

Auf einer Intensivstation kämpft ein spezialisiertes Team gemeinsam mit vielen Experten anderer Fachgebiete in einem hochtechnisierten Umfeld um das Leben schwerstkranker Menschen. Dazu gehört der Einsatz von Maschinen, die Körperfunktionen wie das Atmen teilweise oder ganz übernehmen, Organe ersetzen und unterstützen.

Oft können so Leben gerettet werden. Dennoch bleibt für die Patientinnen und Patienten die Zeit auf der Intensivstation meistens nicht ohne Folgen.

Nach einem Jahr noch nicht beschwerdefrei

Bis zu zwei Drittel der Überlebenden zeigen auch drei Monate nach Entlassung Symptome des Post-Intensive-Care-Syndroms (PICS), welche die Lebensqualität relevant einschränken können.

Nach einem Jahr sind mehr als die Hälfte der Überlebenden noch nicht beschwerdefrei. Für diese Betroffenen bietet die Interdisziplinäre Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) jetzt als eine von wenigen Kliniken in Deutschland eine spezialisierte Nachsorgeambulanz an.

PICS umfasst viele sehr unterschiedliche Beschwerden – körperliche ebenso wie kognitive und psychische. Diese reichen von Muskelschwäche und Bewegungseinschränkungen über Schluckbeschwerden, Störungen der Lungenfunktion sowie Gedächtnisproblemen und einer reduzierten mentalen Geschwindigkeit bis zu Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Auslöser sind nicht nur die eigentliche Krankheit, sondern auch Nebeneffekte intensivmedizinischer Maßnahmen und der Umgebung. So rettet beispielsweise die invasive Beatmung zwar Leben, kann aber auch zu belastenden Problemen wie verbleibenden Schluckstörungen führen.

Ebenso sind die auf Intensivstationen allgegenwärtigen Überwachungsmonitore nötig, um Auffälligkeiten der Körperfunktionen zu melden, schaffen aber für die schwerst Erkrankten ein dauerhaft geräusch- und lichtintensives Umfeld.

„Einerseits wissen wir über die möglichen Folgen unserer Therapien immer noch zu wenig, andererseits wollen wir unsere Patientinnen und Patienten nach überstandener Krankheit mit diesen nicht allein lassen“, erklärt Robert Scharm, einer der verantwortlichen Leipziger Intensivmediziner.

Um hier Abhilfe zu schaffen, hat die Interdisziplinäre Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Leipzig eine Nachsorge-Ambulanz für Intensivpatientinnen und -patienten ins Leben gerufen – eine von bisher sehr wenigen in ganz Deutschland.

„LIVe! – Leben nach intensivmedizinischer Versorgung“

„Wir wollen unterstützende Angebote zur Verfügung stellen und weiterentwickeln, um diese Einschränkungen positiv zu beeinflussen. Ebenso müssen wir die Intensivmedizin weiter verbessern, um PICS zu vermeiden“, so Scharm.

„Bisher gibt es hier eine Lücke in der Versorgung“, ergänzt Prof. Dr. Sirak Petros, Leiter der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin.

„Nach kraftzehrender Intensivtherapie schaffen es viele unserer Patienten, wieder nach Hause entlassen zu werden. Doch dort bleiben sie mit den Nachwirkungen unserer Medizin oft allein.“ Hausärzte und andere ambulant tätige Kollegen sind oft schon mit der Erkennung und Zuordnung der Beschwerden nicht ausreichend vertraut.

6–12 Monate unterstützende Begleitung

Hier setzt die neue Ambulanz an.

„Unsere Aufgabe sehen wir darin, zu erfassen, welche Beschwerden verblieben sind und wo es Unterstützung bedarf“, so Scharm.

Die Betroffenen werden dafür über einen Zeitraum von mindestens sechs bis zwölf Monaten begleitet, künftig vielleicht auch länger.

„Das Ziel ist es, noch besser zu verstehen, wie es unseren Patientinnen und Patienten nach der Zeit auf der Intensivstation geht, und auch zu lernen, was wir verändern können, damit künftig bestimmte Folgebeschwerden gar nicht oder deutlich seltener auftreten“, so die Intensivmediziner.

Zudem sollen neue Angebote entwickelt werden, welche direkt am UKL wahrgenommen werden können. Auch die Anbindung einer Selbsthilfegruppe gehört dazu.

Im Idealfall kann die Ambulanz künftig weiter ausgebaut werden, sodass hier auch auf Unterstützung aus der Physiotherapie, Logopädie und Psychologie sowie der Klinikapotheke zurückgegriffen werden kann.

Und tatsächlich wäre auch eine Ausweitung des Angebots auf Angehörige sinnvoll. Scharm: „Auch sie können gerade psychische Symptome als Folge der Belastungssituation entwickeln.“

Diesem Aspekt versucht die Interdisziplinäre Internistische Intensivmedizin mit ihrem familienzentrierten Ansatz bereits jetzt zu begegnen.

Der Bedarf ist da – monatlich werden allein in der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin, nur einer von mehreren intensivmedizinischen Abteilungen am UKL, 140 Patientinnen und Patienten behandelt.

Insgesamt werden am Universitätsklinikum Leipzig monatlich etwa 580 Erwachsene und Kinder auf insgesamt sechs Intensivstationen versorgt.

Für die Wahrnehmung eines LIVe-Termins ist eine Überweisung durch den Hausarzt erforderlich.